
Dirk Besdziek (Commerzbank AG)
Welthandel im Wechselstrom: Strategien zur Bewältigung von Disruptionen
Kettenreaktionen in einer eng vernetzten Welt
Ein Aspekt des Wandels ist, historisch betrachtet, allerdings einmalig: In einer eng verwobenen Weltwirtschaft löst jedes lokale oder regionale Ereignis sofort eine globale Kettenreaktion aus. Die Globalisierung hat sich nach dem Ende des Kalten Krieges stark beschleunigt. Viele Volkswirtschaften generieren einen Großteil ihres Bruttoinlandsprodukts (BIP) durch Käufe aus anderen Ländern und Verkäufe in andere Länder. Importe und Exporte machen heute über 50 Prozent des globalen BIP aus und damit so viel wie noch nie in den letzten 200 Jahren. Die Folge: Disruptionen bleiben nicht auf eine lokale oder regionale Ebene begrenzt.
Disruptionen als Chance begreifen
Doch es wäre zu einseitig, immer nur auf die negativen Folgen der Disruption im globalen Handel zu schauen – damit gehen auch Chancen einher. Immer dann beispielsweise, wenn Länder Handelskorridore neu verhandeln und zusätzliche Geschäftsbeziehungen aufbauen. In die Gespräche über Handelsvereinbarungen ist ebenfalls Bewegung gekommen, etwa zwischen Europa und dem asiatisch-pazifischen Raum mit Indonesien und Indien sowie den Mercosur-Staaten in Südamerika. Auch wenn sich deutsche Unternehmen auf diese Weise neue Märkte erschließen und sich so für die Verschiebung in den Lieferketten wappnen: Die USA und China sind nach wie vor zwei ihrer wichtigsten Handelspartner. Ihre Bedeutung ist so groß, dass sie nicht ohne Weiteres vollständig ersetzt werden können. Deshalb müssen die bisher engen gegenseitigen Beziehungen so weit wie möglich und vertretbar aufrechterhalten werden. Die Zollvereinbarungen der Europäischen Union mit den USA vom August 2025 schaffen zumindest ein kalkulatorisch verlässliches Fundament.
Ganz andere Anforderungen und Prioritäten haben die Finanzinstitute. Im Korrespondenzbankgeschäft ist die Serviceeffizienz so wichtig geworden wie nie zuvor. Kunden der Banken erwarten schnelle Transaktionen – dazu braucht es modernste Infrastruktur, verlässliche Prozesse und kurze Reaktionszeiten. Auch die Intermediation spielt eine wichtige Rolle: Nach Jahren des Risikoabbaus in der Branche haben viele Banken ihre internationalen Beziehungen zugunsten eines regionalen oder sogar lokalen Geschäftsfokus zurückgefahren. Nun verändern sich die globalen Handelsströme, Firmenkunden interessieren sich für neue Handelsmärkte. Daher suchen viele Banken nun nach neuen Partnern in Märkten, für die sie entweder keine oder nicht mehr genügend eigene Kapazitäten haben.
Doppelrolle der Banken
Banken spielen bei der Unterstützung von Unternehmen im globalen Handel eine wichtige Doppelrolle: Zunächst einmal erleichtern sie mit traditionellen Instrumenten wie dem Dokumenten-Inkasso, Akkreditiven und Garantien die Ausführung der Handelstransaktionen als solche. Nicht weniger wichtig ist aber auch die Steuerung der Risiken, die mit dem Handel einhergehen – also beispielsweise Dokumentenrisiken, Erfüllungsrisiken, Zahlungs- und Finanzrisiken. Bestens dafür aufgestellt sind Banken, die global vernetzt sind und als vertrauenswürdig sowie kulturell versiert wahrgenommen werden.
Ob Firmenkunden oder Banken – der Zugang zu globaler Expertise ist unerlässlich, um Chancen in diesen unsicheren Zeiten zu identifizieren und zu nutzen.
In einer von Disruption gekennzeichneten Welt werden diese beiden Rollen der Ausführung von Handelstransaktionen einerseits und der Risikosteuerung andererseits noch wichtiger – was gleichzeitig Chancen eröffnet. Wenn Firmenkunden in neuen Märkten aktiv werden oder bestehende Märkte neu bewerten, werden diejenigen Banken erfolgreich sein, die ihre Kunden am effektivsten unterstützen – bei der Steuerung von Risiken und Komplexität sowie bei der Integration von Geschäftsprozessen und Lieferketten in diese neuen Märkte. Dazu müssen Banken nicht nur vor Ort präsent sein, sondern auch ihre gesamte Infrastruktur an die lokalen Bedürfnisse anpassen, unabhängig davon, wie spezifisch diese sein mögen. Dazu gehört, operative Kapazitäten so aufzustellen, dass verschiedene Zeitzonen abgedeckt werden. Und es bedeutet, die Risikobereitschaft an lokale Kontrahenten anzupassen sowie Teams vor Ort mit regulatorischem und kulturellem Wissen auszustatten.
Globale Expertise ist der Schlüssel
Eine solche Flexibilität und die Präsenz in verschiedenen Teilen der Welt sind elementar, denn sie sorgen für Kontinuität und Kundenvertrauen – und eröffnen so letztendlich neue Perspektiven. In einem Umfeld der Disruptionen brauchen Kunden mehr als nur Kredite. Ob Firmenkunden oder Banken – der Zugang zu globaler Expertise ist unerlässlich, um Chancen in diesen unsicheren Zeiten zu identifizieren und zu nutzen.

Dirk Besdziek
ist Senior Trade Advisor bei der Commerzbank AG. Er verfügt über 30 Jahre Erfahrung in den Bereichen Trade Finance, Geschäftsstrategieentwicklung und Öffentliche Finanzen. In den letzten zwölf Jahren hatte er leitende Positionen im Produktmanagement und Vertrieb in Deutschland, Großbritannien und Südafrika inne.

