Dirk Besdziek (Commerzbank AG)

Welthandel im Wechselstrom: Strategien zur Bewältigung von Disruptionen

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Erhöhte geopolitische Spannungen und eine erratische Zollpolitik der USA drohen, systemische Schocks auszulösen, die globale Handelsströme verändern und eine komplett neue Marktumgebung schaffen könnten. Vor diesem Hintergrund sind die Banken gefordert, ihre Firmenkunden mit gezielten Lösungen dabei zu unterstützen, unsichere Zeiten zu meistern und gleichzeitig neue Marktchancen zu nutzen.

Seit der ersten Ankündigung neuer US-Zölle und spätestens seit dem „Liberation Day“ im April 2025 stehen der aufkommende Protektionismus und seine Folgen für die globalen Handelsströme im Blickpunkt von Wirtschaft und Politik. Am deutlichsten zeigten sich die Auswirkungen bisher aber nicht in den Handelsströmen, sondern in 

  • volatilen Aktienmärkten, 
  • angepassten Prognosen zum globalen Wachstum von Institutionen wie der OECD und dem Weltwirtschaftsforum sowie 
  • niedrigeren Terminkursen für Containerkapazitäten in den Containerized Freight-Indexen, die einen Rückgang der Handelsströme aus China vorwegnahmen. 

Wer genau hinsah, als sich die Märkte auf die bevorstehenden Einschnitte vorbereiteten, erkannte erste Anzeichen für einen Bestandsaufbau und ein Frontloading in der Industrie. Risikoanalysen und Simulationen wurden vorgezogen, um möglichst früh auf Probleme zu reagieren und nicht erst dann, wenn sie auftreten. 

Aktuelle Handelsdaten legen nahe, dass der Anteil der Exporte aus der Europäischen Union in die USA im Juni und Juli 2025 im Vergleich zum gleichen Zeitraum im Jahr 2024 nur geringfügig zurückgegangen ist. Es bleibt jedoch abzuwarten, ob sich dies aufgrund der im August 2025 vereinbarten endgültigen Zollregelungen zu einem nachhaltigen Trend entwickeln wird. Fundamentale Veränderungen in den relativen Anteilen der Handelspartner Europas werden erst in mittel- bis langfristigen Daten erkennbar sein.

Nicht der Anfang, sondern „nur“ ein weiterer Schritt

Der kurzfristige Blick auf systemische Schocks verdeckt leicht die Tatsache, dass sich die aktuellen Verschiebungen im Welthandel vor dem Hintergrund langfristiger Trends vollziehen. Für Korrespondenzbanken zum Beispiel sind Schocks im globalen Handel längst Teil eines umfassenderen Wandels, der auf viele verschiedene Faktoren und Ereignisse zurückzuführen ist. Wir stehen also nicht am Anfang einer Entwicklung, sondern sind auf dem Weg des Wandels einen Schritt weiter gegangen.

So nahmen Regulierungsbehörden nach der Jahrtausendwende zunächst die Bekämpfung von Terrorismusfinanzierung und Geldwäsche in den Blick. Als Folge der Finanzkrise 2008 konzentrierte man sich mehr auf die Umsetzung einer strengeren Regulierung im Risikomanagement. In den 2010er-Jahren wurden dann Risiken umfassend abgebaut: Viele Banken zogen sich aus Korrespondenzbankbeziehungen zurück, die als zu riskant oder als nicht mehr nötig erachtet wurden. All das trug dazu bei, dass die globale Trade Finance-Lücke immer größer wurde und heute als ein zentrales Problem im Trade Finance Bereich anerkannt wird. 

In den letzten Jahren haben dann militärische Konflikte, die Corona-Pandemie und der Umbruch der etablierten Welthandelsordnung noch mehr Komplexität in die sich ohnehin schon verändernde Handelslandschaft gebracht. 

Kettenreaktionen in einer eng vernetzten Welt

Ein Aspekt des Wandels ist, historisch betrachtet, allerdings einmalig: In einer eng verwobenen Weltwirtschaft löst jedes lokale oder regionale Ereignis sofort eine globale Kettenreaktion aus. Die Globalisierung hat sich nach dem Ende des Kalten Krieges stark beschleunigt. Viele Volkswirtschaften generieren einen Großteil ihres Bruttoinlandsprodukts (BIP) durch Käufe aus anderen Ländern und Verkäufe in andere Länder. Importe und Exporte machen heute über 50 Prozent des globalen BIP aus und damit so viel wie noch nie in den letzten 200 Jahren. Die Folge: Disruptionen bleiben nicht auf eine lokale oder regionale Ebene begrenzt.

Diese Dynamik ließ sich beispielsweise während der Corona-Pandemie beobachten, die mit ihren Beschränkungen fast so etwas wie ein Testlauf für die aktuellen Handelsbeschränkungen war. Hersteller erhielten Rohstoffe oder Waren nicht mehr genau dann, wenn sie benötigt wurden. Deshalb wurde nach dem Ausbruch der Pandemie intensiv über eine Abkehr von Just-in-Time-Liefersystemen diskutiert. Im Lagermanagement entschieden sich viele Unternehmen für einen Bestandsaufbau, um potenziellen Lieferkettenstörungen vorzubeugen. Gleichzeitig begannen sie, nach neuen Absatzmärkten und näher gelegenen Märkten zu suchen, um Risiken besser steuern zu können. Bestärkt wurden sie darin durch den Krieg in der Ukraine, der die Versorgungssicherheit einmal mehr infrage stellte. Doch angesichts der immer wieder neuen Disruptionen konnte sich die globale Lage noch nicht so weit stabilisieren, dass diese Lieferkettenstrategien hätten vollumfänglich umgesetzt werden können. 

Disruptionen als Chance begreifen

Doch es wäre zu einseitig, immer nur auf die negativen Folgen der Disruption im globalen Handel zu schauen – damit gehen auch Chancen einher. Immer dann beispielsweise, wenn Länder Handelskorridore neu verhandeln und zusätzliche Geschäftsbeziehungen aufbauen. In die Gespräche über Handelsvereinbarungen ist ebenfalls Bewegung gekommen, etwa zwischen Europa und dem asiatisch-pazifischen Raum mit Indonesien und Indien sowie den Mercosur-Staaten in Südamerika. Auch wenn sich deutsche Unternehmen auf diese Weise neue Märkte erschließen und sich so für die Verschiebung in den Lieferketten wappnen: Die USA und China sind nach wie vor zwei ihrer wichtigsten Handelspartner. Ihre Bedeutung ist so groß, dass sie nicht ohne Weiteres vollständig ersetzt werden können. Deshalb müssen die bisher engen gegenseitigen Beziehungen so weit wie möglich und vertretbar aufrechterhalten werden. Die Zollvereinbarungen der Europäischen Union mit den USA vom August 2025 schaffen zumindest ein kalkulatorisch verlässliches Fundament.

Ganz andere Anforderungen und Prioritäten haben die Finanzinstitute. Im Korrespondenzbankgeschäft ist die Serviceeffizienz so wichtig geworden wie nie zuvor. Kunden der Banken erwarten schnelle Transaktionen – dazu braucht es modernste Infrastruktur, verlässliche Prozesse und kurze Reaktionszeiten. Auch die Intermediation spielt eine wichtige Rolle: Nach Jahren des Risikoabbaus in der Branche haben viele Banken ihre internationalen Beziehungen zugunsten eines regionalen oder sogar lokalen Geschäftsfokus zurückgefahren. Nun verändern sich die globalen Handelsströme, Firmenkunden interessieren sich für neue Handelsmärkte. Daher suchen viele Banken nun nach neuen Partnern in Märkten, für die sie entweder keine oder nicht mehr genügend eigene Kapazitäten haben.

Doppelrolle der Banken

Banken spielen bei der Unterstützung von Unternehmen im globalen Handel eine wichtige Doppelrolle: Zunächst einmal erleichtern sie mit traditionellen Instrumenten wie dem Dokumenten-Inkasso, Akkreditiven und Garantien die Ausführung der Handelstransaktionen als solche. Nicht weniger wichtig ist aber auch die Steuerung der Risiken, die mit dem Handel einhergehen – also beispielsweise Dokumentenrisiken, Erfüllungsrisiken, Zahlungs- und Finanzrisiken. Bestens dafür aufgestellt sind Banken, die global vernetzt sind und als vertrauenswürdig sowie kulturell versiert wahrgenommen werden.

Ob Firmenkunden oder Banken – der Zugang zu globaler Expertise ist unerlässlich, um Chancen in diesen unsicheren Zeiten zu identifizieren und zu nutzen.  

In einer von Disruption gekennzeichneten Welt werden diese beiden Rollen der Ausführung von Handelstransaktionen einerseits und der Risikosteuerung andererseits noch wichtiger – was gleichzeitig Chancen eröffnet. Wenn Firmenkunden in neuen Märkten aktiv werden oder bestehende Märkte neu bewerten, werden diejenigen Banken erfolgreich sein, die ihre Kunden am effektivsten unterstützen – bei der Steuerung von Risiken und Komplexität sowie bei der Integration von Geschäftsprozessen und Lieferketten in diese neuen Märkte. Dazu müssen Banken nicht nur vor Ort präsent sein, sondern auch ihre gesamte Infrastruktur an die lokalen Bedürfnisse anpassen, unabhängig davon, wie spezifisch diese sein mögen. Dazu gehört, operative Kapazitäten so aufzustellen, dass verschiedene Zeitzonen abgedeckt werden. Und es bedeutet, die Risikobereitschaft an lokale Kontrahenten anzupassen sowie Teams vor Ort mit regulatorischem und kulturellem Wissen auszustatten.

Globale Expertise ist der Schlüssel 

Eine solche Flexibilität und die Präsenz in verschiedenen Teilen der Welt sind elementar, denn sie sorgen für Kontinuität und Kundenvertrauen – und eröffnen so letztendlich neue Perspektiven. In einem Umfeld der Disruptionen brauchen Kunden mehr als nur Kredite. Ob Firmenkunden oder Banken – der Zugang zu globaler Expertise ist unerlässlich, um Chancen in diesen unsicheren Zeiten zu identifizieren und zu nutzen. 

Dirk Besdziek 

ist Senior Trade Advisor bei der Commerzbank AG. Er verfügt über 30 Jahre Erfahrung in den Bereichen Trade Finance, Geschäftsstrategieentwicklung und Öffentliche Finanzen. In den letzten zwölf Jahren hatte er leitende Positionen im Produktmanagement und Vertrieb in Deutschland, Großbritannien und Südafrika inne.

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