PROFIL 

– Mitgliedervorstellung


In der Kategorie PROFIL stellen wir im ICC Germany-Magazin mit zehn kurzen Fragen ein Mitglied unserer Organisation vor – und zwar nicht nur mit Blick auf die jeweilige Branche, sondern auch von der ganz persönlichen Seite. Dieses Mal dabei: Helga Flores Trejo!


Helga Flores Trejo ist seit Anfang 2020 als Vizepräsidentin und Sonderbeauftragte (Special Envoy) für Nachhaltigkeit und multilaterale Angelegenheiten bei der Bayer AG tätig. In dieser Funktion treibt sie innovative Nachhaltigkeitsstrategien und neue Geschäftsmodelle und die Zusammenarbeit mit internationalen Organisationen wie den G20, den Vereinten Nationen und multilateralen Entwicklungsbanken voran. Seit 2025 ist sie stellvertretende Vorsitzende der globalen ICC-Kommission für Umwelt und Energie.

Wie schätzen Sie die aktuelle Diskussion um das Thema Nachhaltigkeit im internationalen Kontext ein?

Vor dem Hintergrund der aktuellen Debatten, vor allem verursacht durch die geopolitische Wende in Washington: alles andere als einfach. Aber die Forschungslage ist eindeutig: Die Auswirkungen des Klimawandels auf unsere Fähigkeit, Lebensmittel anzubauen und die Welt zu ernähren, wie auch auf die Gesundheit, werden sich weiter verschärfen. 

Ich habe das Glück, für ein Unternehmen zu arbeiten, das sich mit operativer Konsequenz für Ernährungssicherheit und Zugang zu Gesundheitsversorgung einsetzt – und zwar global. Für Bayer sind Fragen danach, wie Überschwemmungen oder Dürren landwirtschaftliche Produktivität mindern oder wie der extreme Temperaturanstieg die Gesundheit von Millionen Menschen beeinträchtigt, Teil unseres Alltags. Diese Fragen sind sowohl für Bayer als auch für mich persönlich nicht abstrakt sondern sie dominieren die Gespräche, die ich bei Feldbesuchen und Partnerdialogen führe – sei es in Europa, den USA oder im Globalen Süden.

Für mich ist klar: Die Bedeutung des Themas nimmt zu und nicht ab. Auch wenn wir sehen müssen, dass einige Unternehmen von ihren früheren Verpflichtungen abgerückt sind und manche Regierungen weniger öffentlich darüber sprechen – ich begegne weltweit vielen engagierten Führungskräften und Unternehmen, die hart daran arbeiten, ihre Klimaziele einzuhalten.

Ein eindrucksvolles Beispiel war das diesjährige World Economic Forum in Davos: Trotz anderslautender geopolitischer Schlagzeilen drehten sich viele Diskussionen konsequent darum, wie Dekarbonisierung und naturschonende Lösungen in Geschäftsopportunitäten transformiert werden können. Laut aktuellem WEF/BCG-Bericht hat die grüne Wirtschaft weltweit bereits die Fünf-Billionen-Dollar-Marke überschritten – Prognosen gehen bis 2030 von über sieben Billionen Dollar aus. Das macht Nachhaltigkeit zum am zweitschnellsten wachsenden Sektor des vergangenen Jahrzehnts, direkt nach der Technologiebranche. Wer das noch als Randthema behandelt, blendet wirtschaftliche Realität und enorme Wachstumschancen aus.

Welche Rolle sollten die ICC und Bayer als internationale Akteure bei diesem Thema einnehmen?

Die entscheidende Aufgabe besteht darin, sicherzustellen, dass wir diese enorme Chance, von der ich gerade gesprochen habe, auch wirklich nutzen. Damit die Entwicklung und der Ausbau neuer nachhaltiger Geschäftsmodelle ermöglicht werden. Die Stärke des Privatsektors liegt nicht nur in der Kapitalbereitstellung, sondern auch in der Technologie und Innovationsfähigkeit. Darueberhinaus,wir wissen genau: Öffentliche Mittel allein werden die SDGs nicht finanzieren –wir brauchen daher neue, kreative Partnerschaften zwischen Unternehmen und Regierungen wie der LEAF-Koalition.

Organisationen wie die ICC und globale Unternehmen wie Bayer können sich bei nachhaltiger Entwicklung keine Beobachterrolle leisten. Wir haben die Möglichkeit, multilaterale Rahmenbedingungen aktiv mitzugestalten. Das gilt insbesondere für eine kluge Post-2030-Agenda, für Taxonomien nachhaltiger Investitionen und für Regulierungsnormen neuer Technologien. Wer erst reagiert, wenn Normen gesetzt sind, verliert Gestaltungsspielraum.

Wo sehen Sie aktuell die größte Herausforderung im Zusammenspiel von Politik und Wirtschaft beim Thema Nachhaltigkeit?

Zunächst einmal haben geopolitische Schocks enorme Auswirkungen. Wie wir derzeit an der Situation in der Straße von Hormus sehen, wird es direkte und dramatische Effekte für Lebensmittelpreise und Ernährungssicherheit geben – bedingt durch Düngemittelknappheit und steigende Transportkosten.

Das strukturelle Kernproblem ist die Zeitfalle: Politische Entscheidungsträger denken in Legislaturperioden, Kapitalmärkte dagegen in Quartalen. Nachhaltige Transformation braucht hingegen Jahrzehnte. Drei inkompatible Zeithorizonte zu synchronisieren, ist eine der komplexesten Governance-Aufgaben unserer Zeit. Unternehmen wie Bayer treffen Investitionsentscheidungen in Forschung und Entwicklung, Lieferketten und Markterschließung, die sich über zehn bis fünfzehn Jahre erstrecken. Die eigentliche Führungsaufgabe derzeit ist es, innerhalb volatiler regulatorischer Dynamiken die langfristigen Innovationsinvestitionen zu schützen, die in zehn Jahren den Unterschied machen werden.

Welchen Rat würden Sie jungen Berufsanfänger:innen geben, die an dieser Schnittstelle arbeiten möchten?

Der Bereich Nachhaltigkeit hat sich im letzten Jahrzehnt enorm weiterentwickelt und geht mittlerweile weit über die reine Berichterstattung hinaus – er ist fest in Unternehmensstrategien, Finanzwesen, Regulierung und Regierungsbeziehungen verankert.

Für alle, die ihre Karriere an dieser Schnittstelle beginnen, sind folgende Grundlagen unverzichtbar: Die Arbeit im Bereich Nachhaltigkeit erfordert zunehmend die Fähigkeit, Jahresabschlüsse zu lesen – um Materialität und Kapitalallokation zu verstehen –, wissenschaftliche Daten zu Emissionsfaktoren und Biodiversitätskennzahlen zu interpretieren und beides in überzeugende Geschäftsargumente umzusetzen.

Intern ist die wichtigste Kompetenz ein tiefgreifendes Verständnis des Geschäfts: wie die Lieferkette tatsächlich funktioniert, wie die Margen in den verschiedenen Geschäftsbereichen aussehen und wo der wirtschaftliche Druck liegt. Die effektivsten Nachhaltigkeitsexperten sind diejenigen, die erkennen können, wo Nachhaltigkeitslösungen mit den betrieblichen Realitäten übereinstimmen und echten Mehrwert schaffen – nicht nur diejenigen, die wissen, was ein Unternehmen theoretisch tun sollte.

Extern besteht ein großer und wachsender Teil der Rolle darin, sich in der Komplexität der Regulierung zurechtzufinden – von Disclosure-Rahmenwerken bis hin zu due diligence-Verpflichtungen – und gleichzeitig ein breites Spektrum von Stakeholdern einzubinden, um neue Geschäftsmodelle zu ermöglichen. Im heutigen, sich rasch wandelnden geopolitischen Umfeld sind die Erwartungen an Unternehmen deutlich gestiegen: Sie sind zunehmend aufgefordert, eine nachhaltige Entwicklung voranzutreiben und aktiv mit öffentlichen Institutionen zusammenzuarbeiten. Die Fähigkeit, mit sehr unterschiedlichen Zielgruppen – von Nichtregierungsorganisationen bis hin zu multilateralen Entwicklungsbanken – glaubwürdig zu kommunizieren und über dieses gesamte Spektrum hinweg dauerhafte Partnerschaften aufzubauen, ist in diesem Zusammenhang ein erheblicher Mehrwert.

Sie sprechen Französisch, Spanisch, Deutsch, Englisch und Portugiesisch fließend. Haben Sie Tipps für das Erlernen von Fremdsprachen?

Nun ja, es war bei jeder Sprache anders – Sprachen lernt man nicht; man lebt sie. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen: Lehrbücher sind wichtig, aber echtes Lernen passiert, wenn man die Sprache nutzt – in Verhandlungen, in informellen Gesprächen, in Momenten, in denen man keine Wahl hat, als sich durchzusetzen. Meine stärksten Lernsprünge kamen nicht aus dem Unterricht, sondern aus Situationen, in denen Scheitern keine Option war.

Entscheidend ist auch die emotionale Dimension: Jede meiner fünf Sprachen ist mit konkreten Menschen, Orten und prägenden Erfahrungen verknüpft. Wer eine Sprache dauerhaft verankern will, braucht einen Grund, der weit über Vokabellernen hinausgeht – ein Gespräch, das zählt, eine Beziehung, die es wert ist.

Vor allem aber habe ich gelernt, dass in dieser komplexen und sich wandelnden internationalen Arena die Fähigkeit, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne zwischen Welten zu vermitteln, eine äußerst gefragte Schlüsselkompetenz ist.

Was reizt Sie an Ihrer neuen Position als Vize-Vorsitzende der ICC-Kommission für Umwelt und Energie am meisten?

Wir befinden uns in einem Moment historischer Umbrüche: Die Regeln, die die internationale Ordnung jahrzehntelang geprägt haben, werden in Frage gestellt – und mit ihnen jene Institutionen, die sie getragen haben. Die ICC-Kommission arbeitet genau an der Schnittstelle, wo Regulierung, Unternehmensrealität und globale Klimaarchitektur aufeinandertreffen – interessanter geht es nicht.

Was mich an meiner Rolle reizt, ist die Möglichkeit, das enorme Potenzial der Biotechnologie zu erschließen. Ich halte es für eine der bedeutendsten wissenschaftlich-technologischen Konvergenzen unserer Zeit: das Zusammenwirken von künstlicher Intelligenz und Biologie. Diese Verbindung eröffnet Möglichkeiten, die noch vor wenigen Jahren schlicht undenkbar waren. Sie reichen von KI-gestützter Wirkstoffentwicklung, die Jahrzehnte der Forschung auf Jahre verkürzt, über präzisionsmedizinische Ansätze auf Basis individualisierter biologischer Profile, bis hin zu nachhaltigeren Anbausystemen um mehr Nahrungsmittel mit geringeren Auswirkungen auf die Natur anzubauen. Europa muss schnell und entschlossen handeln, um künstliche Intelligenz, Biotechnologie und Innovation voranzutreiben. Das steht nicht im Widerspruch zur ethischen Nutzung dieser Technologien – im Gegenteil. Für ein Unternehmen wie Bayer, das in Gesundheit und Landwirtschaft operiert, ist diese Konvergenz keine abstrakte Zukunftsvision, sondern operative Realität. Die ICC-Kommission kann und muss diese Dynamik in den multilateralen Regulierungsdialog einbringen: Wer die Spielregeln für KI in der Biologie nicht aktiv mitgestaltet, riskiert, dass die transformative Kraft dieser Technologien durch überhastete oder ineffektive Regulierung gebremst wird – oder, ebenso problematisch, ohne ausreichende ethische Leitplanken voranschreitet.

Ich habe meine Karriere an der Schnittstelle von internationalem System und unternehmerischer Praxis verbracht; im Deutschen Bundestag, bei der OSZE, in der Privatwirtschaft. Diese Kommission ist in gewisser Weise die Synthese dieser Erfahrungen und ein Ort, an dem ich diese Verbindung produktiv machen kann.

Wenn Sie für einen Tag den Job mit jemand anderem tauschen könnten – welchen Beruf würden Sie sich aussuchen?

Inhaberin einer Tequila-Destillerie.

Sie haben über 20 Jahre Erfahrung in internationaler Wirtschaftspolitik. Wie ist es aus Ihrer Sicht derzeit um den Multilateralismus bestellt?

Eines ist klar: Die Weltordnung, wie wir sie kannten, hat ihr Ende gefunden und es ist noch unklar, was an ihre Stelle treten wird. Wir bewegen uns auf eine umfassende Fragmentierung zu. Länder des Globalen Südens spielen bereits jetzt eine größere Rolle.

Vielleicht liegt gerade hierin eine mittelfristige Chance, wenn sich Gestaltungsmacht in kleinere, flexiblere Strukturen verlagert: Neue Koalitionen, die auch Unternehmen miteinbeziehen, bilaterale Abkommen mit multilateraler Ambition, plurilaterale Formate mit echter Schlagkraft.

Ich habe persönlich bei der OSZE erlebt, wozu ein multilaterales Format imstande ist, wenn politischer Wille vorhanden ist – und wie schnell es zur einer leeren Hülle wird, wenn er fehlt. Diese Erfahrung prägt meinen Blick: Institutionen sind nur so stark wie die politischen Selbstverpflichtungen, die sie tragen. Diese Spannung konstruktiv aufzulösen halte ich für die eigentliche strategische Aufgabe unserer Generation.

Was bietet Ihnen den besten Ausgleich zu beruflichem Stress und Drucksituationen?

Kochen mit Zutaten aus meinem Kräutergarten und mein Peloton-Rad.

Mein ganz persönliches Vorbild ist…

Brad Smith von Microsoft – er hat als Führungskraft in politisch schwierigen Zeiten immer wieder eine enorme Zielstrebigkeit und Mut an den Tag gelegt.




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