
Made in Germany und der digitale Strukturwandel
Deutschland ist die drittgrößte Exportnation der Welt. Das Land bewegt jährlich Waren im Wert von über
1,6 Billionen Euro über die Weltmeere. Der einst abschätzige Begriff „Made in Germany“, der 1887 im Vereinigten Königreich zur Sicherung der eigenen Industrie eingeführt wurde, hat sich zum weltweit stärksten Herkunftslabel entwickelt. Das Vertrauen in Qualität, Technik, Zuverlässigkeit und Ingenieurskunst hat die wirtschaftliche Stärke Deutschlands über Jahrzehnte geprägt – ob im Maschinenbau, in der Automobilindustrie oder in der Chemie.
Mit der fortschreitenden Globalisierung hat dieses Label jedoch an Klarheit verloren. Produkte werden zwar häufig in Deutschland entwickelt und teilweise auch montiert, die Herstellung erfolgt jedoch oftmals international – teils in eigenen Produktionsstätten, vielfach aber durch Zulieferer. Dadurch verlieren Klarheit und Authentizität für den Konsumenten an Gewicht. Der positiv besetzte Begriff „Made in Germany“ hat an Strahlkraft verloren und ist nunmehr bestenfalls noch eine von mehreren Spitzenmarken.
Zunehmender Druck auf die deutsche Exportwirtschaft entsteht durch die fortschreitende Digitalisierung der
Handelswege. Der Welthandel wird künftig nicht mehr allein durch Produktqualität bestimmt, sondern auch durch die Frage, wer die digitalen Standards des globalen Handels setzt und damit den Takt für den weltweiten Austausch von Waren, Daten und Kapital vorgibt. Trotz ihrer Stellung als eine der größten Exportnationen der Welt hinkt Deutschland bei der digitalen Transformation hinterher und verliert sich in Entwürfen, Pilotprojekten und bürokratischen Hürden.
Wenn Container digital reisen, Dokumente aber nicht
Gerade für Deutschland ist das von zentraler Bedeutung, denn es sind die Exporteure, die für die Ausstellung der warenbegleitenden Dokumente verantwortlich sind. Doch während Container, Schiffe und Lastwagen längst digital getrackt werden, reisen die zugehörigen Handelsdokumente noch immer analog – per Ausdruck, Unterschrift und Kurierdienst.
Andere Länder sind bereits weiter. Singapur, Bahrain, die Vereinigten Arabischen Emirate und Hongkong haben längst Gesetze nach dem UNCITRAL Model Law on Electronic Transferable Records (MLETR) implementiert – einem internationalen Rechtsrahmen für elektronische übertragbare Handelsdokumente. Das Vereinigte Königreich hat mit dem Electronic Trade Documents Act seit 2023 elektronische Handelsdokumente rechtlich vollständig dem Papier gleichgestellt. Auch Frankreich hat 2025 mit seinem Décret Système Fiable nachgezogen.
In Deutschland ist die Nutzung elektronischer Frachtdokumente, einschließlich elektronischer Konnossemente, grundsätzlich zulässig. Die Rechtsordnung erkennt elektronische Dokumente als Beweis- und Erklärungsmittel an. Der Gesetzgeber hat jedoch vorgesehen, dass die Einzelheiten der Ausstellung, Übertragung und Nutzung durch eine Rechtsverordnung konkretisiert werden sollen. Eine solche Verordnung wurde bislang nicht erlassen, sodass elektronische Konnossemente in der Praxis überwiegend nur auf bilateraler oder multilateraler vertraglicher Grundlage eingesetzt werden können. Diese fehlende Konkretisierung führt zu widersprüchlichen Einschätzungen hinsichtlich der Umsetzung des MLETR in Deutschland. Eine umfassende und international anschlussfähige Umsetzung des MLETR steht bislang noch aus.
Natürlich bewegt sich auch in Deutschland etwas. Das digitale Ursprungszeugnis (dUZ) der IHKs ist seit September 2025 live, elektronische Frachtbriefe (eCMR) sind rechtlich möglich, und auf EU-Ebene verpflichtet die eFTI-Verordnung Behörden ab 2027, digitale Transportinformationen zu akzeptieren. Vieles bleibt jedoch Stückwerk. Eine durchgängige Strategie für den Aufbau einer digitalen Infrastruktur und eine klare Roadmap dorthin – physisch wie digital – sind nicht erkennbar.
Digitale Infrastruktur ist Geopolitik
China baut unterdessen längst an der digitalen Welthandelsordnung. Unter der Digital Silk Road, dem digitalen Arm der Belt & Road Initiative, errichtet Peking ein globales Netz aus Hafenbeteiligungen, Datenkabeln und Handelsplattformen. Über Staatskonzerne wie COSCO Shipping Ports kontrolliert China Anteile an über 90 internationalen Häfen, darunter Rotterdam, Piräus und Hamburg. Diese Investitionen gehen Hand in Hand mit der Einführung eigener digitaler Hafen- und Logistiksysteme, oft gekoppelt an chinesische Cloud- oder Blockchain-Lösungen.
Parallel treibt Peking mit Plattformen wie TradeGo, dem Global Shipping Business Network (GSBN) oder der jüngst vom China Council for the Promotion of International Trade (CCPIT) vorgestellten Digital Supply Chain Platform die Nutzung standardisierter elektronischer Handelsdokumente voran. Diese Systeme bilden komplette digitale Lieferketten ab – von der Ausstellung des Konnossements bis zur Zahlung und Finanzierung – und schaffen technische wie ökonomische Abhängigkeiten, weil immer mehr Transporte über chinesisch kontrollierte Plattformen und Datenserver laufen.
Für Deutschland geht es dabei nicht darum, mit Angst oder Ehrfurcht auf die Entwicklungen in China und der
asiatisch-pazifischen Region zu blicken, sondern selbstbewusst eigenständige Initiativen zu entwickeln. Es geht um digitale Souveränität, nicht nur um Effizienzsteigerung durch Bürokratieabbau. So wie das Ministry of Commerce of the People’s Republic of China im Mai 2025 einen Action Plan for Digital and Intelligent Supply Chains veröffentlicht hat, braucht auch Deutschland eine nachhaltige Strategie für den digitalen Außenhandel. Dabei geht es nicht um juristische Einzelfallfragen, sondern um die strategische Ausrichtung der rechtlichen und digitalen Rahmenbedingungen für den Außenhandel.
Fünf Schritte zu einer digitalen Handelsstrategie
Die strategische Ausrichtung sollte unter anderem folgende Maßnahmen enthalten:
- Umsetzung des MLETR in deutsches Recht
Eine explizite und systematische Orientierung des deutschen Rechts am MLETR ist erforderlich, um bestehende Rechtsunsicherheiten bei Marktteilnehmern zu beseitigen. Eine klar erkennbare, MLETR-konforme Ausgestaltung des deutschen Rechts würde damit nicht nur die Nutzung elektronischer Transportdokumente fördern, sondern zugleich die Grundlage schaffen, über den Logistikbereich hinaus auch digitale handelbare Zahlungs- und Forderungsinstrumente – etwa elektronische Wechsel – durch gezielte Anpassungen der einschlägigen Spezialgesetze, wie dem Wechselrecht, rechtssicher einzuführen. Damit würden die Voraussetzungen für eine durchgängige Digitalisierung und Synchronisation von physischer Lieferung, Dokumentation und Finanzierung geschaffen.
- National Single Trade Window
Deutschland braucht eine integrierte digitale Anlaufstelle, über die Unternehmen behördenübergreifend Waren anmelden, Genehmigungen und Zertifikate beantragen sowie Zollformalitäten abwickeln können. Für die elektronische Zollabwicklung wird derzeit mit ATLAS ein leistungsfähiges nationales System genutzt, das jedoch primär auf zollrechtliche Verfahren fokussiert ist und bislang nicht systematisch mit weiteren fachlich zuständigen Behörden und deren IT-Systemen verknüpft ist.
Auf europäischer Ebene wird mit dem EU Single Window Environment for Customs, insbesondere dem EU CSW-CERTEX, ein verbindlicher Rahmen für den automatisierten Datenaustausch zwischen Zoll- und Fachbehörden aufgebaut. Deutschland sollte diese Entwicklung nicht nur formal umsetzen, sondern durch eine nutzerorientierte nationale Ausgestaltung ergänzen, die Mehrfachmeldungen vermeidet und Prozesse bündelt.
- Interoperabilität und Standards
Nach wie vor werden in Teilbereichen proprietäre oder national spezifische Datenstandards genutzt, die nur eingeschränkt interoperabel sind. So ist beispielsweise das digitale Ursprungszeugnis formal rechtskonform und technisch maschinenlesbar, basiert jedoch nicht auf international harmonisierten Datenmodellen. Dies erschwert die durchgängige Weiterverarbeitung und Wiederverwendung der Daten in internationalen Handels-, Logistik- und Finanzierungsprozessen. Internationale Standards wie die Key Trade Documents and Data Elements (KTDDE) der International Chamber of Commerce (ICC) sind daher essenziell, um Interoperabilität zwischen Handelsdokumenten herzustellen und eine skalierbare digitale Infrastruktur zu ermöglichen.
- Mittelstandsförderung
Das Fundament der deutschen Exportwirtschaft ist der Mittelstand. Viele sogenannte Hidden Champions sind trotz – oder gerade wegen – ihrer Unternehmensgröße Weltmarktführer. Die Umsetzung digitaler Lösungen ist jedoch häufig ressourcen- und kapitalintensiv. Daher braucht es gezielte Förderprogramme, die spürbare Unterstützung für den digitalen Wandel bieten.
- Mut und Wille zum Wandel
Abwarten ist keine Option: Mut und Wille sind im gleichen Maße von Politik und Wirtschaft gefordert. Innovationsgeist und die Bereitschaft, neue Wege zu gehen, haben in der Vergangenheit zur wirtschaftlichen Stärke Deutschlands geführt. Selbst wenn die Rahmenbedingungen noch nicht perfekt sind, sind Lösungen bereits heute vorhanden. Technologien wie Distributed Ledger Technology (DLT) sowie internationale Standards der ICC ermöglichen schon jetzt die Digitalisierung vieler Außenhandelsprozesse.
Insbesondere die Maßnahmen zur konsequenten Umsetzung des MLETR, zum Ausbau von National Single Windows sowie zur stärkeren Ausrichtung an internationalen Daten- und Dokumentenstandards wie den KTDDE decken sich mit den zentralen Empfehlungen des ICC Compact for Trade, Growth and Jobs (Dezember 2025). Die Stoßrichtung ist klar: Der Übergang von papierbasierten zu durchgängig digitalen Handelsprozessen ist eine Standortfrage.
Fazit
Deutschland hat den Welthandel einst durch Qualität geprägt, doch die Welt bewegt sich weiter. Es geht nicht um Alarmismus, sondern um Anschlussfähigkeit. Wer jetzt Recht, Standards und Infrastruktur zusammendenkt und konsequent handelt, kann die Digitalisierung des Handels aktiv mitgestalten – für Deutschland und für Europa.

Urs Kern
verfügt über mehr als 40 Jahre Expertise in der Digitalisierung des Außenhandels. Er ist Executive Advisor für Digital Trade und arbeitet in Projekten zur Digitalisierung von Handelsdokumenten unter anderem mit Enigio (trace:original) zusammen.

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